Oktober8
Thilo Sarrazin ist der Buhmann der Nation. Er sprach abfällig über Kopftuch-Mädchen, über die Unterschicht, über unwillige Ausländer und blinde Politik. Er formulierte grobschlächtig die Problematik einer Gesellschaft, die noch immer unter einem nationalen Stockholm-Syndrom leidet. Seitdem wurde eine Diskussionswelle losgetreten, die aus meiner Sicht teils irritierende, teils einfach nur falsche Aussagen hervorgebracht hat.
Es wurde gesagt, die Integrationsbemühungen der Bundesrepublik seien gescheitert. Dem möchte ich widersprechen. Die Integration in Deutschland hat nicht versagt. Versagt haben Mechanismen, die Unwillige und Gescheiterte aus dem Rand unserer demokratischen Gesellschaft in die Mitte ihrer Herkunftsgesellschaft führen. Der deutsche Staat maßt sich eine Moral an, die für unsere Gesellschaft nicht tragbar ist. Aus welcher Logik heraus muss jeder Mensch in Deutschland leben können, obwohl er hier unter den gegebenen Grundsätzen – Demokratie, Pluralismus, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung – nicht leben will? Die zentrale Frage ist doch, ob sich eine wehrhafte Demokratie den Zerrspiegel von religiösen und ideologischen Gruppierungen, mit einem wie auch immer geartetem kulturellen Hintergrund, vorhalten lassen muss. Warum dulden wir Menschen, die weder unsere Demokratie, noch unsere gesellschaftlichen Werte achten? Menschen, die sich selbst isolieren, indem sie sich der deutschen Sprache, und sei es als Zweit- oder Drittsprache, verweigern.
Aber es ist nicht diesen Menschen zur Last zu legen. Denn wir lassen sie gewähren. Es ist vielmehr typisch für den Irrsinn des deutschen Wesens: Ein auffällig gewordener, sagen wir kurdischer und religiös-fanatischer, Straftäter wird nicht in sein Herkunftsland ausgewiesen, sondern in Deutschland weggesperrt. Denn Strafe muss sein. Natürlich. Und wenn er dann aus dem, für ihn mit Sicherheit pädagogisch wertvollen, Strafvollzug entlassen wurde fügt er sich reibungslos in unsere Gesellschaft ein. Wie viel Realitätsferne verträgt der Mensch? Denn genau dies wird mit dem Umgang straffälliger Immigranten propagiert. Es schafft Vorurteile gegenüber dem Groß erfolgreich integrierter europäischer Deutscher mit Migrationshintergrund. Es ist diese nachlässige Haltung, die eine junge Multikultur von vorneherein in Abrede stellt, weil sie augenscheinlich nur Negatives mit sich bringt: religiösen Fanatismus auf der einen und kulturelle Intoleranz auf der anderen Seite. Das ist kein Zustand für die geruhsame deutsche Volksseele, denn die schreit folgerichtig nach Leitkultur. Problem nur, dass die deutsche Leitkultur Carl Schmitt liest und Fußball für einen Sport des Kaisers hält.
Deswegen: Wollen wir eine, in meinen Augen dringend benötigte, funktionierende Multikultur in einem offenen und zukunftsorientierten Deutschland schaffen, muss die Gesellschaft endlich klare Regeln definieren. Es muss Schluss sein mit einer Politik der Nachsicht und Heuchelei. Es muss Klartext gesprochen werden, abseits von verkrampfter “political correctness”, abseits von austauschbaren Phrasen aus den Mündern austauschbarer Politiker. Es wird vielfach gefragt, ob der verbale Ausfall von Sarrazin eine offene Debatte über das dringliche Thema der Integration nun hemmt. Das denke ich nicht. Gerade durch seine Äußerungen wurde das Thema doch überhaupt erst wieder durch die demokratische Mitte aufgegriffen. Zum Glück. Das Gezerre der Rechten und Linken um dieses Thema wurde schon vor Jahren dröge. “Deutschland den Deutschen, Ausländern das (R)Ausland” ist ebenso hohl wie “Wir erwirtschafteten unseren Reichtum auf den Schultern fremder Völker und verschanzen uns nun damit hinter Abschiebung und Fremdenhass”. Eine Diskussion und Reaktion auf die Problematik der Migration muss unter dem Zeichen demokratischer Parteien geschehen, das Thema gerät viel zu leicht zum Schlachtfeld rechtsextremer Populisten und ewiggestriger, linker Kulturfaschisten.