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Ich habe mit diesem Artikel etwas gewartet um einen gewissen zeitlichen Abstand zum möglicherweise sensibilisierten Leser zu schaffen. Immerhin, ganz Deutschland hat geweint. So stand es zumindest in den Medien. Und die  müssen es ja wissen.

Warum trauerten alle Deutschen? Was ist weltbewegendes passiert?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Immerhin, in Deutschland sterben Jahr für Jahr etwa 10.000 Menschen durch die eigene Hand. Und am 10. November blieb auf diese Weise Robert Enke auf der Strecke. Ebenso wie – rein statistisch betrachtet – 26 weitere Deutsche. Über wieviel Selbstmörder haben Sie in den folgenden Tagen denn gelesen? Rechnen wir weiter, entleibten sich bis zum heutigen Tag 297 weiter Menschen in Deutschland. Wieviele Schlagzeilen wird es zu denen gegeben haben? Na? Aber in Enkes Kondolenzbuch haben sich bis heute 127397 wildfremde Menschen eingetragen. Wie krank sind Sie eigentlich? Sensationslüsterne Masturbation zu dem Leiden Fremder? Und Selbstmörder aus unserem Ort, die wir vielleicht wirklich kannten – wenn  auch nur über drei Ecken -  die interessieren uns nicht.

Depressionen werden in unserer Leistungsgesellschaft zumeist totgeschwiegen. Und der Betroffene gleich mit.

Was war an Robert Enke anders? Nun ich habe da eine Vermutung. Die Schweinegrippe hatte sich abgelaufen, es wurden in dem Zeitraum keine Kinder von anderen Kindern bestialisch ermordet, der derzeitige Wettskandal war noch nicht in Sicht, besonders abstruse Gewalttaten ließen ebenfalls auf sich warten und die Politik? Naja, die interessiert nicht weiter, vorausgesetzt Frau Merkel koaliert demnächst nicht auch privat mit Herrn Westerwelle.

Es ganz einfach: Enke war B-prominent. Sein Freitod war der Leichenschmaus für jedes Boulevardblättchen. Gerade prominent genug um ihn und seine Familie für eine kurzzeitige Auflagensteigerung – verzeihen sie den Ausdruck – verfeuern zu können. Er war kein Ausnahmetalent auf seinem Gebiet, aber auch kein gänzlich Unbekannter. Sein Tod ist für diese Gesellschaft ebenso irrelevant wie der Tod eines jeden gesichtslosen Passantens. Aber unser Voyeurismus kann sich auf Enke viel besser entladen. Vorsichtig ausgedrückt.

Journalismus hat eine moralische Verantwortung. Davon hat man in den letzten zwölf Tagen leider nichts gemerkt.



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