Verfasst von Philipp Rauh am November 25, 2009
12:05 Uhr MEZ war es beschlossene Sache: Die TU Chemnitz wird bestreikt. Mit OpenEnd. 550 Ja-Stimmen und lediglich 43 Nein-Stimmen ergab die Auszählung der 11:00 Uhr einberufenen Vollversammlung im Audimax des Neuen Hörsaalgebäudes. Basisdemokratischer schaffen das nicht einmal unsere Eidgenossen.
Laut Informationen von offizieller Seite bestreiken derzeit über 800 Studierende das Campusgelände. Für eine bessere Bildung, eine bessere Zukunft und ein besseres Leben. Klingt pathetisch, ist aber so.
So viel zum nachrichtendienstlichen Teil. Die Stimmung im voll besetzten Audimax war elektrisierend. “Nicht ihr seid das Problem, der Bachelor ist es!”, taktet die Veranstaltung auf. Anhaltender Applaus für diese klaren Worte. Der ebenfalls anwesende Rektor Matthes reibt sich nervös die Hände. Angstschweiß? Immerhin, Donnerstag soll in eben jenem Gebäude eine Wirtschaftsmesse stattfinden. Eine Besetzung wäre wohl nicht sehr repräsentativ für den betriebsreifen und handzahmen Bachelorabsolventen. Schade drum.
Nach einer kurzen Aufwärm-Abstimmung wird es dem Rektor erlaubt den Raum zu betreten und vor den etwa 700 Studierenden Stellung zu beziehen. Zu einem Dialog sei er bereit. Empörte Zwischenrufe verweisen auf die in diesem Sommer von Studenten aufgestellten 95 Thesen zur misslichen Lage der TU Chemnitz. Auch damals versicherte Matthes eifriges Handeln. Seitdem verstauben die Kritikpunkte augenscheinlich im Zeitungsständer der Mattheschen Gästetoilette. Doch er spricht unbeirrt weiter, kann besonders die Probleme der Maschinenbauer verstehen. Gelächter im Saal. Die gefühlte Mehrheit der Vollversammlung besteht aus Geisteswissenschaftlern. Aus dem Publikum brüllt jemand “REDEZEIT!”. Matthes reibt sich wieder die Hände, trottet wortlos an die Wand und blickt ungläubig auf den gefüllten Saal.
Es folgt der öffentliche Diskurs untereinander, “Sie vergessen, Rektoren, Professoren, Lehrstühle sind hier wegen uns! Sie gibt es wegen uns. Nicht anders herum!”. Das war etwas zu viel für Matthes. Energisch Kopfschüttelnd steigt er in den regen Applaus mit ein. Ein skurriler Anblick.
Der Vorwurf aus dem Publikum, die Vollversammlung sei nicht groß genug angekündigt worden wird mit einem ungeheuerlichen Verdacht entschuldigt: Info-Emails über alle Uni-Mailverteiler sollen von “oben” zurückgehalten worden sein. Beweise dafür gibt es keine. Sollte der Verdacht jedoch stimmen, wäre dies ein herber Schlag gegen die demokratische Bildungsordnung.
Anschließend wurde über eine Dreiviertelstunde über die Ziele und die Mittel des Streikes diskutiert. Auch wurde die Legitimation der Vollversammlung von einigen Stimmen angezweifelt. Ein, in meinen Augen, fadenscheiniges Argumentieren begann, welches aber bereits nach wenigen Sätzen von der anwesenden Mehrheit tosend verworfen wurde. Wir sind das studierende Volk und wir bilden eine gewichtige Interessengruppe. Wenn sich manch einer nicht engagieren will, seine Entscheidung. Davon darf und kann aber nicht das Engagement anderer beeinflusst werden.
Danach kommt es zur Abstimmung. Es ist ein ehrfurchtsvoller Anblick: Nahezu jeder erhebt sich zum Streik. Applaus.
Damit war es beschlossen: Die TU Chemnitz ist im bundesweiten Streik angekommen. Rektor Matthes verlässt den Saal. Und ich dächte etwas Wehmut in seinem Blick erkannt zu haben.
Nichts los hier. Schreib du doch etwas!